Bild vom Kind

In „Grundlagen meiner Pädagogik“ beschreibt Maria Montessori folgendes soziales Problem: das Kind und der Erwachsene leben in einer Vereinigung, die Kampf auslöst, weil es zwei vollkommen verschiedene Wesen sind. Der Erwachsene ist ein herrschender Mensch in denen Obhut ein unwissendes Kind anvertraut ist. Aus dieser Erkenntnis heraus schreibt sie:

„… wir haben das neue Kind gefunden, das sich uns durch wunderbare Äußerungen offenbar hat. Wir sehen klar, dass die Kindheit ein Stadium der Menschheit ist, das sich vollkommen von dem des Erwachsenseins unterscheidet. Wir haben die zwei verschiedenen Formen des Menschen erkannt. Das Kind trägt nicht die verkleinerten Merkmale des Erwachsenen in sich, sondern in ihm wächst sein eigenes Leben, das seinen Sinn in sich selber hat…“ (Montessori, 1988, S. 8).

Maria Montessori sah die kindliche Entwicklung aus einer für ihre Zeit neuen Perspektive an. Ihre Überlegungen beziehen Entwicklung des Kindes schon vor der Geburt an. Sie sprach davon, dass der Mensch als „psychischer Embryo“ zur Welt komme und von Geburt an seine individuellen Eigenheiten und Fähigkeiten zur Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Als vitale Aufgabe der ersten Kindheit, nennt Montessori die Aufgabe der Anpassung an die Umwelt: „Der Mensch (…) alles in seinem sozialen Leben ausbilden müssen: Das Kind muss sich die Eigenschaften seiner sozialen Gruppe einprägen, indem es sie nach der Geburt aus der Umwelt absorbiert“ (Montessori, 1990, S. 72).

So wie das körperliche Wachstum des Kindes durch die Art der Ernährung beeinflusst wird, beobachtete Maria Montessori in der geistigen Entfaltung des Kindes ähnliche Kräfte. Das Kind benötigt geistige Nahrung: Menschen, von denen es Liebe bekommt und soziale Verhaltensweisen lernt, und Gegenstände und Möglichkeiten, seine Umwelt zu erforschen. Für sie war die Entwicklung des Kindes mit einem Wunder gleich, wie der Metamorphose des Schmetterlings. Montessori stellte heraus, dass der Säugling nicht mit einem leeren Gefäß vergleichbar ist, das die Erwachsenen nach eigenem Wunsch zu füllen hätten. Kindliche Entwicklung vollzieht sich nach einem individuellen Plan und in eigenem Tempo. Sie sieht das Kind „ als Baumaster seiner selbst“ und verdeutlicht mit diesem Begriff, dass das Kind über die Fähigkeiten verfügt, seine Persönlichkeit selbst zu entwickeln (vgl. Esser & Wilde, 1991, S. 30 - 31).

Seelische Entwicklung erfolgt nicht durch Zufall und wird nicht von äußerem Andrücken verursacht. Die Umwelt wird als Material und erforderlichem Mittel genutzt, aber sie hat keine aufbauende Kraft. Man kann es mit lebenswichtigen Stoffen, die der Körper zum Leben braucht, vergleichen (vgl. Montessori, 2000, S. 51). „ … in diesen Empfindlichkeitsbeziehungen zwischen Kind und Umwelt, liegt der Schlüssel zu der geheimnisvollen Tiefenschicht, in der sich das wunderbare Wachstum des geistigen Embryos vollzieht“ (Montessori, 2000, S. 52).

Das Kind während seines Wachstums baut und reproduziert in sich die Eigenarten der Menschen in seiner Umgebung. So wächst es als ein Mensch seines Volkes auf (vgl. Montessori, 1990, S. 95). Montessori betont die vitale Bedeutung dieses Geheimnisses für die Menschheit und nennt es als „ Geheimnis der Anpassung“ (Montessori, 1990, S. 95). Der Mechanismus der Anpassung funktioniere einfach: das Kind eigne sich der Umgebung an und baue den Menschen auf, der in dieser Umwelt integriert sei (vgl. Montessori, 1990, S. 98)